opulenz und askese




Die prägende Grundfigur des Universums ist für den Künstler Michael Schultze das Paradox. Für ihn ist daher nicht das Paradoxe problematisch, sondern die beständige Dualisierung der Welt in sogenannte Widersprüche. Licht ist für ihn Schatten und Leere ist Form. Sie stehen sich nicht gegenüber, sondern sind im wahrsten Sinne des Wortes EINES. Das Phänomen ist also nicht Licht im Gegensatz zu Schatten. Das Ganze ist das Ganze. Die Welt schwingt nicht zwischen zwei Polen hin und her, sie ist SCHWINGEN (und weil sie schwingt, scheint es uns so, als ob es Pole gäbe). Es ist die „Mechanik“ unseres Denkens, die uns veranlasst, "Pflöcke" (Begriffe) einzuschlagen, hier Licht - da Schatten. Die Begriffe sind die so markierten Stellen. Sie ermöglichen uns Welterklärung- und handhabung, obwohl sie das Universum unvermeidlicherweise beständig verfehlen. Wir sind ganz in der Welt der Existenz und diese Welt ist eine der Grenzen und Widersprüche. Vor Allem aber ist sie eine Welt der Form. Die Welt der Existenz ist jedoch nur eine Facette dieses Universums.

Jede Theorie, die versucht konsistent zu sein, wird dieses Universum verfehlen (obwohl sie ebenso ein Teil dieses Universum ist). Erst durch die Aufnahme des Paradoxen (was im Allgemeinen als Widersprüchlichkeit bezeichnet wird), können wir ihm begegnen. Wir stehen also vor der Wahl, weiterhin vor allem konsistente Theorien zu schaffen, die häufig praktisch und gut fürs Ego sind, oder uns mehr dem Paradoxen hinzugeben. Das Universum ist letzten Endes unscharf, es ist immer nur so ungefähr. Zu existieren macht uns glauben, es gebe Eindeutigkeit. Aber es gibt nur das Umkreisen von Diesem und das Umkreistsein des Jenen. Hier erreichen wir vermutlich das höchste Maß an Eindeutigkeit, was die Welt der Existenz für uns bereithält. Umkreisen und umkreist werden, gleichzeitig Dieses und Jenes sein.

In den Arbeiten der letzten 11 Jahre bewegt sich Schultze beständig in einem "Dazwischen". Auch er ist ja in der Welt der Gegensätze zu Hause und nutzt sie, um das Universum als Ganzes zu erfahren. (Sie müssen weder mich noch ihn darauf hinweisen, dass dies natürlich paradox ist.) Eine der grundlegenden Erfahrungen, um die es ihm in seinen Arbeiten aus der Serie universalpatterns/blindpictures (seit 2018 blindpictures/universalpatterns) geht, ist das Zusammenfallen der scheinbaren Gegensätze. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Rauschen. Es ist vielleicht der Zustand, in dem wir diesen Zusammenfall am ehesten erfahren/erahnen/erspüren können. Wir könnten das Rauschen auch als Vorform oder als Nicht-mehr-Leere bezeichnen. Schultze will mit seinen Arbeiten gleichzeitig Anlass und Hilfestellung bieten, sich dem Rauschen hinzugeben. Mal scheinen sie mehr in der Welt der Muster, mal mehr in der Welt des Rauschens zu sein, in Wirklichkeit sind alle seiner Arbeiten immer in Beidem. Sie bieten Halt in der Haltlosigkeit, sie sind beredt wo sie schweigen und sie sind voll, wo sie leer sind. Sie sind opulent, weil sie asketisch und asketisch, weil sie opulent sind. Sie sind bar jeglicher Aussage, sie stellen nichts dar und sie wollen nirgendwohin. Sie sind einfach was sie sind.

In vielen seiner Titel weist er uns auf die philosophischen und spirituellen Aspekte seiner Kunst hin. Zwar sind die Titel bestimmten Arbeiten zugewiesen, aber das bedeutet nicht, dass sie tatsächlich etwas miteinander zu tun haben. (Ebenso gut, so sagt er, könnte es auch sein, dass es im Eigentlichen die Titel sind, um die es gehe und die Kunstwerke dienten nur dazu, dass Menschen einen Anlass haben, sie zu lesen.) Die Titel versuchen in kurzer Form die philosophisch-spirituelle Essenz seiner künstlerischen Arbeit widerzugeben, ohne dass sie unmittelbar verständlich sein müssen.

Es ist für Schultze eine Frage von enormer Bedeutung, ob es uns Menschen zukünftig gelingt, uns auch in der Welt der Dissonanzen, Unschärfen und Paradoxe wohlzufühlen. Kunst ist das Feld, in dem wir die Fremdheit des Anderen untersuchen, um sie erfahren zu können. Schon immer waren es letztlich Künstler, die bereit waren, den Horizont unserer Erwartungen zu erweitern. Oder anders gesagt, Kunst ist das Feld, in dem wir diese Fähigkeit explizit erproben und anwenden.

In seiner Arbeit heißt Schultze vieles willkommen, was vielfach unliebsam ist. In seinen Lackierungen finden sich Borsten von Pinseln, die er übersehen hat, Staub fällt auf die lackierten Flächen oder Schleifspuren sind zu sehen. Anstatt all diese Dinge nachträglich zu korrigieren und die Kunstwerke technisch zu perfektionieren, belässt Schultze diese Dinge weitestgehend so, wie sie vorgefallen sind. Er glaubt, dass es im Grunde nur zwei Wege gibt, um Dinge zu ändern, zum einen können wir an den Dingen herummurksen oder wir gehen nach Innen, befragen und hinterfragen unsere Urteile und entdecken Möglichkeiten uns zu erweitern. Schultze bevorzugt eindeutig den zweiten Weg.

In seinen Malprozessen strebt Schultze an, so wenig als möglich vorherzusagen. Natürlich hat auch er Vorstellungen davon, wie ein Werk sein soll. Er benutzt diese Vorstellungen aber ausschließlich dazu, um zu Beginnen. Danach aber lässt er seine Vorstellungen los, was dazu führt, dass er tatsächlich jedes Mal aufs Neue in die Ungewißheit geht und fortwährend überrascht wird. Immer geht es ihm um Offenheit, in der Hoffnung, weniger sich, mit all seinen individuellen Vorlieben und Abneigungen zu spüren, als vielmehr zu entdecken/erfahren, wie das Universum quasi aus sich selbst heraus handelt. Häufig kommt es dazu, das er sich vornimmt etwas nicht zu tun, um einige Momente später zu entdecken, dass er nun genau dies tut. Es ist dieses Getan-Werden, wie er es nennt, was seine tiefste Faszination hat. Wenn es ihm gelingt sich dem hinzugeben, dann, so sagt Schultze, hat er das Gefühl, dass ihm das Universum zunickt. Was will Mensch mehr?


sarahwilkken2018hier